Zwischen Gipfeln und Tälern

über Claire Cunninghams Performance „Songs of the Wayfarer"  
von Eisa Schmitt

Wollen wir uns auf eine Wanderung begeben? Kommt ihr mit mir mit? In eine hügelige Textlandschaft, durch die du dich ungefähr 5 Minuten schlängeln kannst; jederzeit eine Pause erlaubt. Ich führe dich durch das Stück „Songs of the Wayfarer”, beschreibe dir den Aufführungsraum im E-Werk Freiburg, analysiere einzelne Momente des Abends und nehme dich mit auf meine Suche nach Worten. Fühlst du dich bereit, mit mir auf diese Wanderung zu gehen? Dann los!

Auf ähnliche Art lädt Claire Cunningham das Publikum ein, bereitet es auf die eineinhalbstündige interdisziplinäre Performance vor, wenn sie in liebevoller Guide-Manier auf die Extremen der sensorischen Eindrücke einstimmt. Denn die Zuschauenden wandern geistig mit und werden zugleich als Landschaft durchquert, gar Teil der Kulisse.  Neben einem Berg, errichtet aus verschränkten Gehhilfen, auf der Bühne, bildet die Tribüne, eine Bergkette, durch die sich diagonal ein Weg abzeichnet.

Aufbruch. Die Landkarte in Form eines Notenbuchs dabei. 

Ich frage mich, warum sie sich auf den Weg macht? Was ist die treibende Kraft, die Notwendigkeit, sich dieser Anstrengung auszusetzen? Ich erwarte Persönliches, das konkret von Cunningham selbst handelt, doch das Stück erzählt von uns allen. Von ihr, aber auch von mir und dir. Von den Menschen, die mit dabei waren und jenen, die hier davon lesen. Die gesamte Choreographie malt ein metaphorisches Bild von Leben und Tod, vom Suchen und Finden, mit dem jede Person resonieren kann. 

Zunächst beginnt die Reise der Wanderin im Dunkeln, nur mit einer hellen Stirnlampe ausgestattet. Der Saal wird sorgfältig erforscht. Sie leuchtet hinauf und hinab, sendet ihre Stimme, wie zur Echolokation. Sie sichtet ihre Möglichkeiten, sucht nach einem Weg. Dieser eindringliche Einstieg platziert sie in den dunkelsten Tiefen. In kalten, nassen Höhlen und in Einsamkeit. Die Zaghaftigkeit, die tastenden Schritte, die sich nicht sicher sind, ob der Grund sie tragen kann, die im Schnee und Geröll suchen und stochern, werden zu selbstbewussten Hopsern. Zur anfänglichen Dunkelheit finden sich helle Momente, gefüllt mit zarter Freude am Vorankommen und im Innehalten, wenn es nötig ist. 

Cunningham besingt ihre Wanderung mit Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“, die vom Aufbruch, vom Verlassenwerden und unausgesprochenen Worten des Abschieds erzählen. Mit großen, weit ausladenden Bewegungen erklimmt sie schließlich den letzten Gipfel – ein anstrengender Aufstieg über die Stühle, über die Lehnen, vorbei am Publikum. Oben angekommen, bricht sie das mitgebrachte Shortbread, teilt mit dem Menschen, spricht ihre Wunde, den Verlust eines Freundes, ins Tal. Mich überkommt eine Hilflosigkeit, die sich an diesem Abend nicht mehr auflösen wird. Denn die Darbietung endet im Weitermachen und es schmerzt noch immer.

„Songs of the Wayfarer“ ist eine Darstellung, die zu tiefer Empathie einlädt und im Kontext des “Performing Democracy” Festival als Mahnung zur rücksichtsvollen Umsicht verstanden werden kann. Eingebettet in eine Vielzahl von Angeboten für Inklusion und Teilhabe, mit bspw. vorangestellter Tasteinführung und Audiodeskription, sowie der Vorbereitung des Publikums auf die sensorischen Eindrücke, setzt das Stück einen wünschenswerten Standard für ein umsichtiges Miteinander im Kulturraum. 

Cunningham erzählt von einer Wanderung, die unser aller Lebensweg beschreibt. Und es ist nicht immer erkenntlich, an welchem Punkt der Reise eine Person sich befindet. Mit unsichtbarem Ballast im Rucksack, mit Hürden und Stützen, mit Hilfsmitteln, Freund*innenschaften und doch wieder auf sich allein zurückgeworfen. Verlust und Trauer auf den Rücken geschnallt, unsicher ob der nächste Schritt diese Last trägt, aber immer mit dem Lichtblick, dem Gipfel, vor dem inneren Auge. Sie und wir wandern los, um uns neu in der Welt und im Leben zu verordnen.