Errötet! Das Menschliche liegt in die Scham
über „Der Bleiche Baron" der Kopergietery & KGbe
ein Text von Rachel Oidtmann
„Es gibt glaube ich nichts Schlimmeres, als wenn man weiß, wo man zuhause ist, aber dort nicht sein kann“, vertraut Felka ihrem langjährigen Freund Felix an. Seine Musik erinnerte sie an das Schlaflied, das ihre Mutter früher für sie gesungen hat. Früher – als sie noch ein Zuhause hatte, das es nun nicht mehr gibt. Bevor sie eine Geflüchtete wurde. Bevor sie ihre Muttersprache irgendwo auf ihrem Weg verlor. Bevor sie immer wieder aufs Neue ankommen, Befreundete finden, Sprachen lernen, sich anpassen musste. Felix dagegen „schaut schon sein ganzes Leben lang aus dem gleichen Fenster in die Welt.“
In „Der Bleiche Baron“ von Kopergietery & KGbe lernen wir Felka und Felix als eine Einheit kennen, die das Publikum zunächst auf irritierend überdrehte Weise dazu animiert, den Baron des Unterwasserstaats, seine Qualitäten, seinen Sprechstab – der nur ihm das Sprechen erlaubt – und seinen Körper zu besingen. Das Publikum spielt mit, teils belustigt, teils unangenehm berührt. Erst nachdem noch einmal überprüft wurde, ob die Türen auch wirklich geschlossen sind und die Kontrollwachen sich entfernt haben, wird die orchestrierte Situation aufgelöst. Denn es soll sich hier keineswegs um die angekündigte Chorprobe für den Geburtstag des Barons handeln. Vielmehr wollen Felka und Felix mit ihrem „kleinen revolutionären Singalong Bingbong“ zum Widerstand gegen den Autokraten einladen. Ihre Lieder sind den Dichter*innen gewidmet, die durch den Unterdrückungsstaat alle verschwunden sind.
Und wie die Dichter*innen des Unterwasserstaats dem Baron Unbehagen bereiteten, weil sie ihren politischen Subtext „zwischen die Zeilen packten“, so verunsichert der Baron die Atmosphäre um das alte Becken des Theater im Marienbads herum durch den Schrecken seiner Macht, ohne je sichtbar zu werden. Verdichtet wird dieses beklemmende Gefühl durch Radiomeldungen, die immer wieder die Lieder der beiden unterbrechen. Sie rufen zur Denunziation „überflüssiger Minderwertiger“ auf und kündigen an, man könne sich eine Heimatkarte verdienen, indem man sich mit dem neuesten Spielzeug des Barons in die Sterne katapultieren lässt und aus eigener Kraft zurückfindet – etwas, das den Dichter*innen des Landes nicht gelungen ist.
Anlehnungen an aktuelle Realitäten gibt es zuhauf, selbst in den Momenten, die man gerne als Überhöhung ins Absurde einstufen würde. Umso schmerzhafter ist es dabei zuzuschauen, wie die Einheit um Felka und Felix – trotz oder vielleicht auch gerade aus Liebe – langsam bröckelt. Denn im Gegensatz zum Bleichen Baron haben sie die Fähigkeit zu Erröten, das Empfinden von Liebe, Scham und Mitgefühl, noch nicht verloren. Im Gegenteil: Die Liebe ist spürbar in dem Raum, der sich zwischen ihnen eröffnet. Sie verbirgt sich in ihrer Musik ebenso wie in ihrem Respekt vor der Kunst der anderen Person. Sie verbirgt sich im gegenseitigen Loslassen, wenn Felix zur Flucht drängt und die schon zu oft geflüchtete Felka zu müde ist, um noch einmal irgendwo anders neu zu beginnen. Und sie verbirgt sich sogar in der Zimmerpflanze Ronny, der es unter Wasser gar nicht gut geht und die zum Symbol des Widerstands wird. Sie ist es, die Felix am Schluss in Form eines Ablegers in sein neues Leben begleitet, als er gezwungen wird, den Blick aus seinem alten Fenster aufzugeben.
Nicht zuletzt verbirgt sich die Liebe auch in den lustigen und leichten Momenten dieser Performance, mit denen Anna Vercammen und Joeri Cnapelinckx uns durch die Schwere hindurchtragen und zu echten Freund*innenschaften, zum Dichten und zum Erröten ermutigen.