Vorwärts – Marsch. Stampft in den Widerstand.
Ein Text zur Vorstellung ALL'ARME von Perrine Le Morzadec
Sechs stählerne weibliche Körper marschieren auf der Bühne und nehmen durch den intensiven pulsierenden Sound das Große Haus des Theater Freiburg während des PERFORMING DEMOCRACY Festivals ein. Ihre Ausrichtung ist klar und sauber, wie Soldaten marschieren die Tänzerinnen der Kompanie Studio za suvremeni ples (Zagreb) mit rhythmisierenden Abfolgen und großen Schritten in unseren Abend hinein. Der Raum füllt sich allmählich mit Beat, Sirenen und Dunkelheit – es dämmern die Kriegszeiten. Die Schatten an der Wand werden größer. ALL'ARME ist „Zu den Waffen!“; ist auch ein Alarm für die Zeiten, die sich gegenwärtig in bedrohlichen Formationen aufzustellen. Die von der Kompanie eingeladenen Choreograf:innen Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi zeigen mit ihrem Tanzstück uns aber zugleich, wie stark, mitreißend und divers pulsierende Bewegungen sind und wie sehr Körper eben jenem ausgeliefert sind.
Die Erinnerung an eine militärische Parade ist durch die trabenden Schritte und die schwarzen Uniformen der Kroatinnen gesetzt. Dunkle, enge Hosen, Schnürstiefel und schwarze Oberteile machen aus den sechs Körpern einen einzigen uniformen body of movemet. Es gibt an diesem Abend nur die Kameradinnen, die immer weitermarschieren, immer weiter, immer weiter. Am Anfang liegt der Theatersaal in Stille und Dunkelheit; mit Taschenlampen betasten sie die leere Bühne. Ihre Schritte hallen in der Dunkelheit nach: Klopfen, Treten, Abtasten. Ist der Boden bereit für das, was kommt? Eine unheimliche und gespannte Atmosphäre baut sich auf. Auch wenn sich dieses Bild als kein interessantes herausstellen wird, ermöglicht es dem Stück ein sensorisches Crescendo, indem es die Elemente Sound, Licht und Schritte, die einzigen an diesem Abend, beeindruckend einzusetzen weiß.
Mal durch Bodypercussion, mal durch ein einnehmendes und manchmal störendes Metronom marschiert die Kompanie in kreativen Formationen. Die tiefhängenden Lichtstrahlen lassen die paradierenden Tänzerinnen zu schattigen Soldaten des Sounds werden; der heimliche Leader des gesamten Tanzabends. Das Licht ist gelb, blau und rot. Die drei Komplementärfarben brechen die Bewegungen und den Rhythmus des uniformen Gehens. Während das Bild eben noch ein marschierender Militärkorpus war, verwandelt sich die Formation plötzlich in ein Rockkonzert, dann in einen Rave. Die Intensität von Sound, Licht und Bewegung nimmt stetig zu. Plötzlich zeigen die ausdauernden Tänzerinnen eine folkloristische Bewegungsabfolge. Sie heben freudig die Arme und ein ausgedrehtes, angewinkeltes Bein formt eine altertümliche Silhouette. Sie hüpfen in einem fröhlichen Takt, den wir nicht hören, aber sehen. Wie so oft wandeln sich die Bilder, ohne dass das Publikum versteht, wie und wann diese Übergänge gestalten wurden. Die tanzenden Bilder drücken vielfältige Assoziationen auf, bilden einen geschmeidigen Performancefluss und ermöglichen Immersion in ein fesselndes Geschehen, während das Was-hier-passiert sich dem Publikum rauschhaft entzieht.
Schließlich zieht alles an. Das Metronom, das sie anfangs mit ihrem Schritten erschaffen haben, wird zu einer verselbständigten Beatkreatur, die alle unterwerfen kann. Auf dem Bühnenhintergrund zeichnet sich ein pulsierender roter Kreis. Ein riesiger Alarmknopf oder eine brennende rote Sonne, die das Endzeitalter ankündigt? Unwohlsein und Hypnose fangen an. Es dämmert der Menschheit: Werden wir neugeboren oder in hypnotisierende autoritäre Zeiten und faschistische Ästhetiken eingesogen, wie es das Marschieren ständig evoziert? Oder wird an diesem Abend eine Trancezeremonie erstampft? All’Arme wird uns keine Antworten geben.
Tanz weist an diesem Abend Realitäten aus, denen gedanklich nicht schnell genug gefolgt werden kann. Das ist das Alarmsignal an uns alle: Die Performance ist die letzte Sirene, die beweist, dass das Mitreißen in Zustände autoritärer und faschistischer Natur sich meist ohne unser Bemerken einschleicht. Zugleich führt die Choreografie uns vor, wie biegsam der marschierende Geist ist. Rhythmisches Treiben wird zwar von militärischen Regimen genutzt, jedoch kann dieselbe Kraft – wie es im Stück auch derselbe Beat ist, der Militärparade und Rave stützt – Widerstand und Befreiung ankündigen. Statt nur Entsetzen und Warnung geben uns Panzetti und Ticconi auch ein Stück Hoffnung und Begeisterung für den kollektiven Körper wieder.
Die Tänzerinnen mobilisieren Kräfte, die viel älter als die unserer jeweiligen Gegenwart sind, die älter als Faschismus und Nationalismus sind, ihnen dennoch so verwandt. Etwas verbindet all diese diversen Bewegungsformen, das in Raveparty befreit und in Fußballstadien blendet. Ein jeder kann von einem unsichtbaren Metronom mitgerissen werden. Das kollektive Verirren im rauschhaften Beat eilt unserem Bewusstsein voraus. Die Richtung des Marschs kann immer wieder umgelenkt werden: in Befreiung, in Verbindung miteinander und in Freude an unseren synchronisierten Herzen. ALL'ARME, wir lassen uns nicht unterkriegen. Freiburg, stampfen auch wir zurück.